Über die Macht der kleinen Zettel oder: „Warum schicken Sie keine Dollars?“

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Gerade organisiere ich einen „Ladies Bags Day“. An diesem Tag kann man besondere Handtaschen Secondhand erstehen. Das hat nicht unmittelbar etwas mit meiner Profession als Markenexpertin zu tun, jedoch insoweit, dass ich Menschen anregen möchte, sich zu verbinden. Außerdem habe ich eine bestimmte Haltung zur Kleidung. Taschen gehören nunmal dazu. Die Anregung zum „Ladies Bags Day“ kam von Nicole Isenegger. Sie lebt in der Schweiz, gestaltet Räume und postete auf Facebook über die Aktion Ihrer Freundinnen. Ich dachte: Hey, das geht auch in Köln! Bald ist es soweit: am 25. Mai findet der erste „Ladies Bags Day“ in der „kleinen Fabrik“ in Köln Nippes statt.

Verbinden kann man sich ja auf unterschiedliche Art und Weise. Meine Idee ist, dass die Teilnehmerinnen ihren Taschen einen kleinen Zettel beilegen, um einen Gedanken oder eine kleine Story mit der neuen Besitzerin zu teilen. Mein Chinese brachte mich drauf, denn mit der Rechnung kommen die Glückskekse. Ich liebe diese kleinen Zettel in dem viel zu süßen Teig, stecke sie ins Portemonnaie und trage sie wochenlang mit mir herum.

Als ich länger über den “Ladies Bags Day“ nachdachte, fiel mir eine weitere Zettel-Geschichte ein, die ich vor zwei Jahren im SZ Magazin gelesen hatte. Es war ein Interview mit Martin Greenfield, der heute 88 Jahre alt ist.  Seine Geschichte passt auf keinen kleinen Zettel. Deshalb muss ich an dieser Stelle ein bisschen ausholen. Martin, der früher Maximilian Grünfeld hieß und als 15jähriger Jude mit seiner gesamten Familie nach Ausschwitz deportiert wurde, überlebte den Holocaust mit Müh und Not, während seine gesamte Familie vergast wurde.

Er war mit anderen Gefangenen auf dem letzten Lagertransport nach Buchenwald, als sie von amerikanischen Soldaten befreit wurden. Seine erste Frage an einen jungen amerikanischen Rabbi war: „Wo war Gott?“ Neben ihm stand Elie Wiesel, der die Erlebnisse später literarisch verarbeitete. In dem Augenblick – als tiefste Verzweiflung und plötzliche Freiheit sich verbanden – fühlte Max, wie seine menschliche Würde zurückkehrte.

An dieser Stelle kürze ich die Geschichte… Er ging nach Amerika und wurde zu einem der besten Herrenschneider dieser Welt. Änderte seinen Namen in Martin Greenfield, weil Max ihn mit all dem Schrecken verband, wenn er diesen Namen hörte. Aber auf dem Label seiner kostbaren Anzügen steht bis heute: Maximilian Grünfeld. Er möchte sich an dieser Stelle bewusst daran erinnern, woher er kommt. Denn sein Handwerk und die Macht der Kleidung lernte er in Auschwitz kennen.

Er kleidete von Eisenhower über John F. Kennedy bis Barack Obama alle Präsidenten der Vereinigten Staaten ein. Zahllose Weltstars wie Muhamed Ali, Frank Sinatra und Marlon Brando. Niemand kannte seine Story.
Er empfand es als Belästigung seiner Kunden, die ja schließlich einen perfekten Anzug kaufen wollten und nicht seine bemitleidenswerte Lebensgeschichte. Der einzige, der ihn gerade herausfragte, ob er in Ausschwitz war, war Bill Clinton. Martin Greenfield log und sagte, dass er bereits vor dem Krieg nach Amerika gegangen war. Er hatte keine Lust zu reden – zu groß und schmerzhaft war das alles.

Erst sehr viel später schrieb er seine Biografie, da er am Ende seines Lebens das Bedürfnis hatte, seine Geschichte öffentlich zu erzählen und sein jahrzehntelanges Schweigen ihn beschämte.

Martin Greenfield kam und kommt den mächtigsten Männern der Welt sehr nah, da er persönlich Maß nimmt. Als junger Mann wollte er seine politische Meinung sagen, traute sich aber nicht, Präsident Eisenhower bei ihren Begegnungen direkt anzusprechen. Deshalb wählte er einen Umweg. Er nähte ihm in die linke Innentasche seiner Anzüge kleine Zettel ein. Als Eisenhower kurz davor war, Truppen in den Nahen Osten zu senden und Greenfield das für keine gute Idee hielt, stand auf dem Zettel seines neuen Anzugs: „Warum schicken Sie keine Dollars?“

Eisenhower hat auf diese Botschaften nie geantwortet. Aber die Zettel-Geschichte hielt sich im Weißen Haus. Vier Jahrzehnte später sagte ihm Bill Clinton auf den Stufen des Capitos, wenn er einen Rat für ihn habe, solle er ihm ein Fax schicken. Er schaue zu selten in die Seitentaschen seiner Anzüge.

Da ist sie, die Macht der kleinen Zettel. Ich glaube fest daran. Sie geben einem etwas mit auf den Weg. Und so soll es auch beim „Ladies Bags Day“ sein. Einer anderen Person etwas mit auf den Weg zu geben. Daher nicht vergessen: der 25. Mai, in der „Kleinen Fabrik“ in Köln Nippes. Wer mitmachen will, schickt mir bitte eine Mail oder eine pm – ich habe kein Fax.

Das ganze Interview mit Martin Greenfield findet Ihr hier:
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/43117/1/1

Den Erlös der Aktion schicke ich an Bo-City. Es ist eine Stadt in Sierra Leone, die sich „Zero-Waste“ verschrieben hat und ihren kompletten Müll recycelt. Das finde ich großartig!

Ps.:Übrigens positioniert sich Martin Greenfield bewusst. Alle Anproben finden bis heute ausschließlich in seinem Atelier in Brooklyn statt. Ausnahmen macht er nur für Präsidenten.

7 Antworten

  1. Helma
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    … ich finde, das ist eine interessante Idee, aber … hmm
    eine Handtasche von einer fremden Frau hatte ich noch nie.
    Ich persönlich könnte gar keine abgeben, meine benutze ich so lange, bis sie auseinanderfallen.
    So geschehen bei einer heiß von mir geliebten Tasche von Wolfgang Joop, als der noch jünger und ein Kerl war. Was habe ich gezetert und gelitten … sie ging an den Nähten auseinander und dann leider den Weg alles Irdischen.
    Ich habe aber mal einen Zettel in einem Buch eines Antiquariats gefunden. Es war ein verknitterter Organspendeausweis auf dem stand: “ ich würde die Finger von der Leber lassen“. ? Seither habe ich auch manchmal Zettelchen in Bücher gelegt.

    Viel Erfolg für den „Ladies Bags Day“ !

  2. Evelyn
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    Sehr coole Idee – und ein toll geschriebener Artikel mit einer wunderbaren Geschichte. Danke dafür.

  3. I love this story, how it connects to giving handbags a second life with purpose. You wrote this article so elegantly!

    The concept of giving a new life to what we tend to throw out without much thought, is one that encourages us to think more about how we can re-use more, maybe give it a different destiny. I know for a fact that many bags are being thrown out of the closet because people get bored faster than they once used to. A lot of what we throw out is still looking like new or is hardly used.

    I like thinking of value here. The value of passing on what we don’t use to someone who always wanted what you have. The value of being more conscious. The value of the story of the bag, who made it, who wore it. The value of its material. The value of its beauty that evolves while being worn.

    For me, your story connects to the message that we spread with our businesses and that upgrades the value of everything we create to make a difference with.

    • Ulrike Mertesacker
      | Antworten

      Thank you so much. I know that you are a highperformer in many different ways. To see value in this things can change so much.
      Thank you for your kindness and your freindship!

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