Über Marken, ungeschminkte Wahrheiten und puren Luxus.

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Als Frau und Markenexpertin interessiert mich grundsätzlich das Vorher und das Nachher. Veränderungen will ich sehen. Dabei lieben wir alle durchaus den puren Zustand – so, wie die Natur uns schuf. Es ist oft ein verletzlicher, persönlicher Blick. Ich selbst gewähre nicht jedem Menschen diesen Blick. Ich mag meine Schminke und es macht mich manchmal nervös, wenn ich noch nicht „fertig“ bin. Auch deshalb, weil ich als junge Frau an Neurodermitis gelitten habe, und die befand sich unter anderem mitten in meinem Gesicht. Ich hatte wirklich gar keine Lust, jeden Tag gefragt zu werden: „Du siehst so fleckig aus. Geht es Dir nicht gut?“ Nein, es ging mir nicht gut, und das wollte ich nicht jedem zeigen – auch wenn meine Haut Bände sprach. Make Up half mir – äußerlich und innerlich. Ich konnte mich stabilisieren und meine Haut hörte auf zu jucken.

 

Selfie_ungeschminkt_kleinWarum ein unvorteilhaftes Bild manchmal schön ist.

Mein Standpunkt als Markenexpertin: Seit geraumer Zeit gibt es Kampagnen von Kosmetik-Unternehmen, die ihre Kundinnen auffordern, sich so zu zeigen, wie sie sind. Dove war der Vorreiter dazu. Es geht es darum, eine bewusste, freie Wahl zu haben. Also beides zu tun, je nach Lust, Laune, Lage und Gefühl. Geschminkt oder ungeschminkt.
Vielleicht ist das auch entstanden, weil fiese Kameraaufnahmen uns zeigen, dass auch ein Topmodell nicht immer top aussieht. Schadenfreude hin oder her: Wir können uns damit ein bisschen entspannen: makellose Schönheit, die Perfektion gibt es äußerst selten. Auch Models haben Falten, tiefe Augenränder und unreine Haut. Bingo, da sind wir doch wieder auf Augenhöhe mit den Schönen. Solange wir überhaupt noch Bildern glauben, denn wenn man Menschen schöner machen kann, kann man sie auch hässlicher machen.

 

Die ungeschminkte Wahrheit über Wimpern wie ein Filmstar und den Abgastest.

Wir spielen also mit dem, was wirklich ist. Wie wir uns mit etwas fühlen, welche Nähe wir zulassen wollen – und wir wissen auch genau, in welchem Rahmen wir „schönen“ dürfen. Da gibt es nämlich Spielräume. Das können wir solange betreiben, bis wir das Fass zum Überfließen bringen. Wenn diese Schwelle erreicht ist, gibt es kein Halten mehr. Dann ist alles zunichte gemacht. Das Spiel ist aus. Und so funktioniert das auch mit Marken. Sie versprechen eine bestimmte Qualität. Schönheitsprodukte versprechen, das Leben zu verschönern, zu erleichtern, zu bereichern, es genussvoller zu machen. Wir wissen, Werbung trägt manchmal dick auf. Und die ungeschminkte Wahrheit: Marken, die kein bisschen halten, was sie versprechen, werden nur ein einziges Mal gekauft. Es sind dreiste Mogelpackungen. Ärgerliche Fehlinvestitionen, weil mein Marken-Vertrauen missbraucht wurde. Ich fühle mich getäuscht und bin enttäuscht. Das gilt für Wimperntusche wie für Autos. Nach dem Tuschen meiner Wimpern sehe ich immer noch nicht aus wie Hildegard Knef, Heike Makatsch oder Barbara Schöneberger und mein Auto vor der Tür verpestet die Umwelt deutlich mehr, als es vorgegeben hat. Marken werden zum Glück abgestraft für etwas, dass sie nicht tatsächlich sind. „Sei, was Du scheinen willst“ sagte Sokrates und das ist auch die ungeschminkte Wahrheit für Marken. Durch Verbraucherschutz, Gesetze und durch den Anspruch der Verbraucher wird Markenqualität gesichert.

 

Markenqualität philosophisch betrachtet.

Glaubwürdigkeit, Schönheit und Reinheit gehören auch philosophisch zusammen. Im Mittelalter sagte man: Schönheit ist der Glanz der Wahrheit. Und auch heute heißt es: wahre Schönheit kommt von innen. Also eine ziemlich gute Idee, wenn wir wissen, wie gut das Produkt wirklich ist, das wir Kunden anbieten. Die Ehrlichkeit zu sich selbst im Guten wie im Schlechten – auch im Vergleich zum Wettbewerb – macht den riesen Unterschied und die Lernfähigkeit aus. So hat es VW zerrissen. Das Schlimme: der Verlust an Authentizität. Es fällt auseinander, was wir für ein harmonisch schönes, stimmiges Bild gehalten haben. Was für ein unbezahlbarer Qualitäts- und Vertrauensverlust.
Daher ist die ungeschminkte Erscheinung mit dem, was tatsächlich da ist, mutig und oftmals der pure Luxus.

 

Rote_Lippen

 

Eine Antwort

  1. Simone Mones
    | Antworten

    Das Ziel des Marketing ist, Entwicklungsversprechen so stark auszusenden dass sie von vielen geglaubt werden so dass sich nicht nur Käuferschichten sondern Glaubensgemeinschaften bilden. Apple ist ein Beispiel. Ich versuche zu formulieren was ich zur „eigenen Markenbildung“ denke: es braucht schon ein „Selbst-Bewußtsein“, ein Grundvertrauen in eigenes Können, eigene Willensbildung, eigene Entwicklungs- und Problemlösungs-Kompetenz. Egal ob man schön, klug, gesund und reich ist (manche meinen ja daran läge es) oder eben nicht. Wenn diese Selbstbestimmung zu wenig ausgeprägt ist dann ist die Gefahr gegeben dass man für alles was sich (oft dreist) als Entwicklungsmöglichkeit anpreist offen ist, aber das Selbst-Bewußtsein eher in Richtung Abhängigkeit-Erleben driftet. Dove und seine Nachahmer des Natürlichkeit-Outing spielen mit diesem Dreh- und Angelpunkt. Deren Richtung lässt aber in den Hintergrund geraten, dass wir uns weiterentwickeln wollen, eigene Potentiale entfalten wollen. An der Stelle kommt Luxus ins Spiel. Luxus ist eine komplexe Metapher für: eine Hürde überwunden haben, ein Ansehen (und Anwesen) geschaffen haben, sich hoch positioniert haben. Schon der Kauf eines Luxusgegenstandes kann einem das Gefühl geben dass einem so etwas gelingt, mit dem Kauf. Da kommen magische Gedanken ins Spiel; viele Menschen fühlen sich „besser“, „hochwertiger“, im Prozess positiver Selbstentfaltung begriffen, wenn sie sich mit Teurem umgeben. Man kann sich auf den Standpunkt stellen dass das eine Selbsttäuschung ist. Dennoch wirkt so etwas, wie ein Placebo; oft erhöht sich damit zunächst das Selbstwertgefühl.
    Aber – die Marke, das Produkt, die werden natürlich an ihrem Versprechen gemessen. Und da kann jeder lernen, Glitzerkram vom Gold zu unterscheiden. Zum Thema passt eine sehr interessante Untersuchung vom 24.6.2010 im ECONOMIST: „Rose-coloured spectacles?
    Cheats may or may not prosper, but they despise themselves for cheating“.
    Freundliche Grüsse, Simone Mones

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